In Memoriam Général Jovan Divjak, Sarajevo

Es war einmal…

auf den langen und mühsamen Pfaden in Europa

eine Gruppe von Volontären und Sportmasseuren während der Olympischen Winterspiele in Albertville, Savoyen, die sich mit ihren jugoslawischen Kollegen anfreundeten, wo 1984 in Sarajevo die Winterspiele abgehalten waren.

Ein paar Monate später sollte Jugoslawien unter dem Bürgerkrieg zerbrechen. Unsere Masseure fühlten sich „olympisch solidarisch“ und gründeten einen Verein „Damit Sarajevo lebt“ . Sie sammelten in der Bevölkerung und fuhren 43 mal mit Hilfskonvois in die belagerte Stadt. Dort lernten sie General Jovan Divjak kennen, der die Verteidigung der Stadt kommandierte. In Albertville halfen sie im Flüchtlingsheim. Nach dem Krieg brauchte der General Hilfe für sein Werk für Kriegswaisen «  Erziehung wird Bosnien-Herzegovina aufbauen » www.ogbih.com.ba . In Albertville liess man sich nicht bitten, man sammelte, organisierte Benefizkonzerte, und informierte weiter über die Jahre.

In jenen frühen 90er Jahren war unsere eigene Familie von Paris nach Brandenburg gezogen, wo ich für die RAA mit Jugend gegen Fremdenfeindlichkeit anzugehen versuchte. ( www.raa-brandenburg.de ) . Überall im Land waren Aufnahmelager für bosnische Flüchtlinge geöffnet worden. Es galt dabei, die Gruppen untereinander zu schützen, was nicht immer leicht war, und ich bewunderte die Fähigkeit zu Toleranz unter ihnen. Und es galt, die Flüchtlinge vor Übergriffen aus der Bevölkerung zu schützen. Wir versuchten, Brücken zu schlagen, aber mein Ohnmachtsgefühl damals war gross und meine Traurigkeit, nichts für diese Menschen tun zu können, die den härtesten Preis für den „Fall der Mauer“, der uns so begeisterte, zahlten.

In dieser Zeit begriff ich die Abneigung von Père Joseph Wresinski 1 gegen Revolutionen. Sicher war die Sovietordnung hassenwert für Viele, aber ihr Einsturz liess eben auch eine Ordnung einstürzen, und wir alle wurden ohnmächtige Zeugen des organisierten Hasses. 2 Die Flüchtlinge trugen ihn auf der Haut.

Oft waren mein Mann und ich in Polen unterwegs. Eines schönen Frühlingstages nach einer Tagung in Kreisau, fuhren wir südwestlich von Breslau auf der Suche nach einem Bruder der Gesellschaft Brat Alberta, der in Bielice arbeitslose Männer empfing, die durch ganz Polen zu fuss bei ihm landeten. In einer Kurve stiessen wir auf einen weiten Waldpark, dessen Schweigen uns den Motor abstellen liess. Wir waren auf den Soldatenfriedhof Lambinowice (Lambsdorff) gestossen, wo man soweit das Auge blickte, noch Reihen von Platten und kleinen Kreuzen erkennen konnte, mit Namen von sehr jungen Männern vor allem aus Mittel- und Südosteuropa, gefallen im 1.Weltkieg. Alles schien verlassen seit langer Zeit, der Vogelgesang allein begleitete die Toten. 3 Ich versprach mir, eines Tages mit Menschen aus ganz Europa ihnen hier die Ehre zu geben.

Ebenso wie ich hoffte, irgendwann den Menschen in Bosnien-Herzegovina Ehre geben zu können.

2011 kehrten wir nach Frankreich zurück und liessen uns in Savoyen nieder. In meinem Kopf hatte sich schon eine Vorstellung davon eingenistet, wie ich während der Jahre der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg Europäer durch künstlerische und menschliche Begegnungen zusammenbringen wollte. Auf einer deutsch-französischen Veranstaltung in Chambéry höre ich einen Herrn am Mikrophon erklären, dass wir nichts in Europa aufbauen könnten , wenn wir die Lektionen und die Rufe aus Bosnien-Herzegovina vergässen : es war der Sportmasseur aus Albertville, der da sprach!! …

… und ein paar Monate später stand ich vor der Tür der ul. Dobojska 4 in Sarajevo, gemeinsam mit einem engagierten Ehepaar aus Chambéry. Der General empfing uns freundlich, aber nicht ohne durch die Blume erkennen zu lassen, was der Direktor des Französischen Institutes Francis Bueb mir schon brutal gesagt hatte: „Wenn Sie hierher nicht für 10 Jahre kommen, dann bleiben Sie bitte zuhause.“4 Aber Jovan Divjak gab uns eine Chance und versprach, eine Gruppe Jugendlicher zusammenzustellen, die andere junge Menschen aus Frankreich und Polen im Juni 2014 zum Beginn der Erinnerungswege an den Ersten Weltkrieg in Sarajevo empfangen würden.

Und so geschah es, und aus der ersten wurde eine zweite Begegnung und insgesamt etwa 20 Freiwillige von OGBH trafen achtmal Andere an einschlägigen Orten in Europa.

Und tatsächlich, im Rahmen dieses Projektes VoCE14-185 wanderten 2016 – genau 25 Jahre, nachdem ich es mir vesprochen hatte – auch 100 singende Menschen durch den Friedhof von Lambinowice, angeführt von jungen Frauen aus Sarajevo, dem Chor Corona unter der Leitung von Tijana Vignjevic, im Rahmen einer einwöchigen Begegnung in Breslau.

Nach der dritten Jugendbegegnung liess sich der General von unserer Ernsthaftigkeit überzeugen , und aus dem Vertrauensvorschuss wurde eine Freundschaft. Er liess sich überreden, im November 2018 zu den Abschlussfeiern von VoCE 14-18 nach Berlin zu kommen, obwohl er immer noch den alten Suchbefehl von Interpol fürchtete. Und zu der Feier von „25 Jahre OGBiH“ 2019 durfte ich aus seiner Hand in Sarajevo eine schöne Freundchaftsurkunde entgegennehmen, wie die anderen…

Die jungen Menschen, alle Kriegswaisen, liebten und achteten ihn wie ihren Vater, ausnahmslos. Er hatte in ihnen einen Selbstanspruch an religiöse Toleranz und soziale Verantwortung eingepflanzt, den Ehrgeiz, sein Leben zu meistern im Geiste des Dienstes an der Gemeinschaft. Und alle sahen, dass seine eigene Familie nicht verschont war: seine Gattin liess einmal durchblicken, dass die Söhne mit Familien emigriert seien und sie sie aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr sehen könnte…

In der Stadt und darüber hinaus war er von allen geliebt und verehrt (ausser freilich im serbischen Teil). An seiner Seite durch die Strassen zu gehen, war Seelenbalsam und Grund, stolz auf seine Freundschaft zu sein (offensichtlich auch genossen von ihm) !!

°°°

Ich möchte nun diese Figur von Jovan Divjak zwischen andere leidenschaftliche Erzieher einreihen, die wir auf der Suche nach Brüderlichkeit in Mittel- und Osteuropa kennenlernten. Es waren Polen und Russen, und manche schon im Alter. Keiner hatte die Statur und Ausstrahlung von Jovan Divjak, aber alle waren ihm ähnlich als Langläufer, in ihrer Fähigkeit zur Compassion, in väterlicher und manchmal autoritärer Energie.

Ich sehe diesen Lehrer vor mir, auf dem eben erst von den Bauleuten verlassenen Gelände hinter Riesensozialwohnungsblocks am Rande von Skt. Petersburg. Nichts an Infrastrukturen zu sehen. Er hatte eine Hütte neben einen Bauwagen gebaut, auf der einen Seite wohnte ein Pferd, auf der anderen er, um Kinder zu empfangen für Reitstunden und Zeichenkurse. Diese Kinder wimmelten auf dem Platz, die Bescheidenheit des Bildes konnte einen lächeln machen. Aber es war ein Zeichen des Protestes und eine Fahne des Rechts auf Kultur, der Notwendigkeit, kein Kind in diesen turbulenten 90-er Jahren zu verlieren.

Oder jener Dorflehrer in der Nähe von Posen, der mit seiner Klasse zum Welttag der Armutsbekämpfung am 17.Oktober 1993 nach Berlin kam, wo der Vierte-Welt Gedenkstein im „Parlament der Bäume“ an einem Stück „Mauer“ im Bundestaggelände lag. Ihr vorbereitetes Theaterstück beleuchtete die Ausgrenzung Einzelner, denen eine Gruppe alle ihre Probleme zum Vorwurf macht. Symbolisch warfen die Schüler alle ihre Mäntel auf einen der Ihren, der in der Mitte kauerte. Sie beschimpften ihn dabei wegen aller Probleme in den Ehen, Familien und im Dorf. Dieser Lehrer hatte sicher nicht René Girard gelesen, aber er hatte mit den Kindern den Mechanismen sozialer Ausgrenzung nachgespürt. (Sie fanden übrigens keine Lösung damals…) 2010 fand ich diesen Lehrer wieder bei einer Veranstaltung in Schloss Genshagen über „Kultur gegen Armut“ : er war treu geblieben!

Ich sehe Serguei Levine in Moskau, Psychologe in einer gechlossenen Einrichtung für Jugendliche. Als diese 1991 aufgelöst wurde, gründeten er und andere Erzieherinnen und Erzieher einen Verein, um sie zu begleiten und nicht dem Dschungel der Stadt zu überlassen. Neben täglicher Unterstützung nahmen sie zum Beispiel nahm er mit einer Delegation an einem UNO-Treffen in Genf teil , um mit anderen ATD – Gruppen im Namen der Jugend der Welt zu sprechen. Wir erlebten intensive Jugendaustausche, in Brandenburg, und am Ufer des Dnjepr bei der archeologischen Stätte Olvia, in der Ukraine. Ein junger Erzieher war Yuri aus Skt-Petersburg: eine Generation jünger als Sergei, aber aus demselben Holz wie er : eine Professionnalität des Herzens und der eigenen reflektierten Lebenserfahrung. Die Teilnehmenden an all diesen Treffen merkten das sofort. 1999 wurde Sergei Opfer einen brutalen Überfalls auf der Strasse in Moskau. Als ich ihn im Sommer 2000 besuchte, war er nicht mehr Herr seiner Persönlichkeit.

In Torun, Polen, organisierte ein pensionierter General sommerliche und sportliche Lager für Menschen mit verschiedensten Behinderungen. Er mobilisierte die Studentenschaft der Stadt, um mit ihnen in der Puszta, auf der Tatra oder am Meer unglaubliche Abenteuer zu bestehen. Er hatte es verstanden, in ganz Polen Unterstützung zu sammeln. Hier war die Figur möglicherweise etwas schillernd, aber er glaubte an Solidarität und brüderliche Leistung – und fand fruchtbaren Boden für seine Energie.

In Lublin hingegen war die Bescheidenheit greifbar. Hier fanden wir einen alten Herren, dem das Auseinanderbrechen der Familien durch den Umbruch und die Arbeitslosigkeit unerträglich war. Die Stadt hatte ihm einige Wohnungen in einem alten Haus zur Verfügung gestellt, um Fauen mit Kindern aufzunehmen. Er kümmerte sich um alles und stellte sicher, dass die Kinder lernten. Ich konnte nichts über seine eigene Geschichte erfahren, seine Erschöpfung wegen dieses Elends, in dem Polen in den 90er Jahren zu ersticken schien, schien mir immens…..

…und dann begegneten wir diesem Priester, auch ein alter Mann, der eine grosse Ferienkolonie an einem See bei Lublin so gut wie möglich aufrechterhielt, auch wenn die Familien nicht mehr zahlen konnten. Diese Menschen schien das Elend um sie herum und ihre eigene Flamme, die dagegen aufbegehrte, zu verzehren.

Alle diese Männer verkörperten in meiner Wahrnehmung eine pädagogische Tradition, die von Leo Tolstoi über Makarenko, möglicherweise auch Janusz Korczak, durch sie ins Heute reichte. Diese Traditionen waren in der sozialistischen Erziehung aufgenommen, pervertiert im Regime von Lagern und Strafkolonien, aber verinnerlicht in ihrem Besten von Menschen des Schlages, dessen Wege wir kreuzen durften, ihr Leben durch bis ins Alter..

Auch das gehört zum Erbe des europäischen Ostens.

Adieu Jovan Divjak, mon Cher Général!

Am 26. April 2021

1Gründer von ATD Quart-Monde, 1917-88 www.atd-quartmonde.org

2Ich glaube, dass jemand wie Bärbel Bohley das so empfand. Sie widmete den Rest ihres Lebens Bosnien -Herzegovina.

3Seitdem wurden Geschichte und Orte aufgearbeitet,in deutsch-polnischer Zusammenarbeit (Volksbund)

41993, in Brandenburg, war man noch deutlicher gewesen : « Wenn Sie hier nur 10 Jahre bleiben wollen, brauchen Sie gar nicht erst zu kommen ». (Rainer Beck, Bürgermeister von Gerswalde, Uckermark)

5Www.voce1418.com