Lektüre: Olga Tokarczuk, Nobelpreis für Literatur 2019

Die Jakobsbücher

Kampa Verlag , Zürich 2019

Polnische Originalausgabe : Ksiegi Jakubowe, Verlag Wydawnictwo Literackie, 2014

Deutsche Übersetzung : Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein

Korrespondenz zwischen mir und Lothar Quinkenstein, Herbst 2020

Meine « Reste »

Lieber Lothar Quinkenstein,

Nun habe ich wirklich alles – quasi alles genau – gelesen.

Was macht das Buch so anziehend? Die Düfte, die es ausstrahlt, von alten Zeiten, alten Moden, alten Küchen und Ställen, die Gerüche des alten Ostens. Und weil ich geführt wurde durch die Wege, Trampelpfade und Schleichwege zwischen dem osmanischen Reich und Galizien, und weiter. Die alten Handelswege der Kaufleute der Renaissance, zum Beispiel der Fugger meiner Stadt Augsburg, und wahrscheinlich aus noch viel früheren Zeiten, welche heute die Chinesen wieder für sich nutzen wollen. Der tiefe Osten als zentraler Schauplatz Europas.

Die Anschauung jüdischen Lebens aus jüdischer Sicht. Da habe ich viel gelernt. Das Erwarten gegen das Hoffen, gegen die tatsächliche Feindseligkeit, dick, zäh, wohlgenährt, missgünstig, erschlagend. Der Prozess der Integration um den Preis der Selbstverleugnung , und die Versuche, die Gruppe zu retten. Viel gelernt , um auch dem jüdischen Leben, der Emanzipation der Juden im späteren Preussen, ihrer Geschichte in Frankreich, etwas näher zu kommen.

Der Katholizismus im alten Polen, eben eingefleischt, dick und zäh und mehr….

Die Freude der Autorin am Beschreiben, Erfinden, Ausmalen, erinnerte mich an Mereschkowski’s « Leonardo da Vinci » und wirkte ebenso einladend. Herrliche Erzähltradition. Und dabei teilt sie uns vieles mit, « von den drei Wegen der Erzählung und davon, dass « das Erzählen zuweilen auch als Tat zu sehen ist » (S.416) , vom « schweren goldenen Herz », dessen « einzelne menschliche Träne …sich vereint mit einem breiteren Fluss ….in gewaltigem Strom ins Meer gelangt… sich am Horizont auflöst – verliert  » . (S.368)

Diese breite wandernde Freske zog mich also mit sich.

Aber ich brauchte lange, bis ich mich eingelesen hatte. Es dauert lange, bis sich eine Folge in den aneinandergereihten Szenen wahrnehmen liess. Charaktere sich finden liessen. Um so länger, als immer wieder widerliche Bilder mich abstiessen.

Wobei die Hauptfigur fremd blieb. Wird Jakob Frank nicht nur beschrieben? Wenn Moliwda sich wundert, ihn am Fenster beten zu sehen, weil er sicher war, dieser Mann glaubte selber nicht an seine Reden, so wundere ich mich mit ihm. Eher als ein Roman kommt mir diese Erzählung wie ein Drehbuch vor für einen Film, dessen Hauptdarsteller die Figur mit Leben füllen müsste. So, wie ich sie erkenne, setzt ihre Anziehungskraft alle seine Gefolgschaft in ein unbestimmbares Dämmerlicht. Macht sie nicht grösser. Einen « Luther der Juden » (Deckblatt des Verlags) kann ich nicht erkennen.

Um so weniger, als der Kern dieser « Bewegung » , ihre Lehren, mir unerschlossen bleiben. Die Figur Nachman versucht einen Ausdruck, und er muss ganz am Schluss des Buches noch einmal lange aufzeichnen, um dem Leser einen irgendwie zusammenhängenden Eindruck zu hinterlassen, so dass ich mich fragen muss, warum nicht die gesamte Erzählung diesen Eindruck zu vermitteln imstande war.

Ein Wort zu den Frauengestalten. Ich finde viele schöne Sätze, fast Betrachtungen, über die Lebensleistung der Frauen in diesen jüdischen Familien, neben denen über ihr Lebensleiden. Aber sie bleiben, besonders die Ewa Frank bleibt mir, ungreifbar. Als Frauen näher empfunden, und also nachempfindbar, erschienen mir die beiden polnischen Figuren, die Dichterin, und die Baronin als « Generalfeldmarschallin ». Und beide verlieren den Boden unter den Füssen mit dem Tode der Ihren, dies zB erscheint mir sehr fein beschrieben.

Die Tatsche, dass man nie weiss, was historisch und was erfunden ist, macht es jemandem wie mir nicht leichter. Das mag andere Leser überhaupt nicht stören, und die Autorin selber setzt fest, das Wissen der Literatur sei die « Vollkommenheit der unpräzisen Formen’ (Julian Brinken S.31) . Aber ich lese einen Teil europäischer Geistesgeschichte, und es reicht mir nicht ganz, dass das Todesdatum des polnischen Königs belegt ist. Gehören der Gefängnisaufenthalt, das Exil in Brünn, die Audienz bei Maria-Theresia, zur Geschichte dieser Bewegung? Veröffentlichte die « Vossische » einen Nachruf auf Jakob Frank? Und vor allem: stimmt es, dass eine Gruppe von Juden die Jahre 1942-44 in einer Höhle überleben konnten dank der Hilfe der Dorfbewohner? Diese plötzliche Brücke in die Gegenwart ist ja gewollt geschlagen. Der kurze Hinweis, dass in Polen nicht immer der Antisemitismus das letzte Wort hat, ist doch erheblich, und man muss sicher sein dürfen, dass hier eine tatsächliche Begebenheit erzählt wird.

Kurz: eine stichwortartige Biographie der Hauptfigur und seiner « Bewegung » wäre hilfreich.

MJL/6/10/2020

Von Lothar Quinkenstein am 20/XI 2020

Liebe Mascha Join-Lambert,

Mit Ihren Gedanken zu den « Jakobsbüchern » haben Sie wieder so viele Gedanken bei mir ausgelöst, dass ich mich einfach tragen lasse von den Erinnerungen an die Arbeit an der Übersetzung …

Um mit den « alten Zeiten » zu beginnen, den « alten Moden, alten Küchen und Ställen « … die Fülle des Alltags, die so detailliert ausgearbeitet wird – das hat uns beim Übersetzen immer wieder berührt und begeistert, und es war ein Vergnügen, in alten Wörterbüchern zu stöbern, um Bezeichnugen aufzuspüren und zu prüfen, in welcher Zeit sie verwendet wurden, ab wann sie gebräuchlich waren. Vor allem das Grimmsche Wörterbuch war uns ein ständiger Begleiter – das ohnehin (von der konkreten Arbeitssituation abgesehen) eine ungemein spannende Lektüre ist …

Ebenso faszinierend waren für uns die zahllosen Wege, die beschritten werden – letztlich ist es, ja, so könnte man es wahrhaftig nennen … ein « Road Movie », die große Geschichte einer europäischen Reise, die – wie Sie schreiben – Blickgewohnheiten verändert, die Frage nach Zentren und Peripherien aus mitteleuropäischer Perspektive neu formuliert: « Der tiefe Osten als zentraler Schauplatz Europas. » Oder um es mit dem Titel eines Buches zu sagen, mit dem ich meine Studenten immer « traktiere » – Karl Schlögel : « Die Mitte liegt ostwärts »

Was den Aspekt der Emanzipation/Assimilation betrifft – das ist geradezu ein Basso Continuo der Erzählung, und Jakob Frank selbst geht da bis ans Äußerste und noch darüber hinaus. Der Disput in Lemberg ist ein einziges Intrigenspiel der Manipulationen. Dieses Kapitel war – mit den Verschlingungen der fragwürdigsten « Argumente » – eines der interessantsten. Hier werden im Grunde Jahrhunderte antijüdischer « Propaganda » wiedergegeben. Die absurden Vorwürfe des « Ritualmords » und der « Hostienschändung » mit der so « spektakulären » Symbolik des Blutes war fester Bestandteil eines christlich motivierten Antijudaismus – genau das steht ja im Zentrum der Debatte, die von Seiten der Kontratalmudisten von Anfang an ein abgekartetes Spiel darstellt. Die Nähe von « rotem Wein » und « (christlichem) Blut », die sich durch böswillige Fehlübersetzung leicht in fatale Anklagen ummünzen lässt , gehörte als « Standardargument » zu diesen Ritualmordanschuldigungen dazu.

In der Lemberger Kathedrale werden dann Autoritäten erfunden, die es gar nicht gab (« Rawasche »), Bücher werden zitiert, die nie existierten – « Rambam » ist ein Akronym für Maimonides (Rabbi Mosche Ben Maimon) und nicht der Titel eines « alten Buches » usw. Hierzu konnten wir noch eine überaus aufschlussreiche Lektüre finden : Daniil Awramowitsch Chwolson: Über einige mittelalterliche Beschuldigungen gegen die Juden (russisch, Petersburg 1861), der zu entnehmen ist, dass die gesamte Konstruktion der Disputation den typischen Argumentationsablauf dieser Vorwürfe widerspiegelt (das Buch ist in der digitalen Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek der Goethe-Universität Frankfurt/Main verfügbar). Bis hin zu den angeblichen « Kronzeugen » – Juden, die behauptet hatten, sie hätten selbst an Ritualmorden sich beteiligt und wollten nun reumütig gegenüber der Kirche bestätigen, dass das alles sich genau so abspiele … der dubiose Serafinowicz etwa – ist das alles historisch belegt.

Dass sich Frank mit seinen engsten Anhängern auf dieses Niveau begibt, ist natürlich mehr als fragwürdig. Im Namen der Assimilation zu sprechen, ist das eine, aber die «zentralen » Aspekte des Antijudaismus aus christlicher Wurzel zu bestätigen und selbst als Argumente anzuführen in einer solchen Debatte – das macht Jakob Frank wahrhaftig nicht sympathisch.

Umso interessanter ist dann auch, wie unterschiedlich die Bewertungen ausfallen bzw. wie stark die Vorurteile in diese Bewertungen einfließen. Heinrich Graetz windet sich geradezu vor Widerwillen, wenn er über Frank schreibt, vor allem lässt er keine Gelegenheit aus, die Juden des Schtetls als angeblich rückständig zu diffamieren. Frank wird ihm dann zu einem vermeintlich typischen Phänomen des abergläubischen, unaufgeklärten Judentums. So einfach kann man es sich natürlich nicht machen ; die großen Denker der Kabbala, die Konzepte entworfen haben, die bis in die allerjüngste Zeit hinein ausstrahlen (denken wir etwa an Anselm Kiefers Bezugnahmen auf die lurianische Kabbala), waren gewiss keine Hinterwäldler (hierzu übrigens sehr interessant : Christoph Schulte : Zimzum. Gott und Weltursprung).

Der Historiker Majer Bałaban hingegen, 1877 in Lemberg geboren, 1942 im Warschauer Ghetto ums Leben gekommen, hat eine ganz andere Perspektive. Selbst in den mitteleuropäischen Kontexten aufgewachsen (nicht in einem Schtetl zwar, aber als gebürtiger Lemberger war er bestens vertraut mit dieser Kultur), sieht er keinen Anlass, diese Lebenswelt zu diffamieren. Seine Auseinandersetzung mit Jakob Frank ist im besten Sinne wissenschaftlich, rational, distanziert. Bałaban publizierte – was heute unter Historikern eine Sensation wäre – in fünf Sprachen: auf Polnisch, Russisch, Deutsch, Jiddisch und Hebräisch.

Die « drei Wege der Erzählung » … für mich einer der faszinierendsten Aspekte des Romans – dass Olga Tokarczuk die « Reste »-Notizen von Nachman nutzt, um eine Meta-Ebene poetologischer Reflexionen zu eröffnen.

Und dass das Erzählen auch eine « Tat » sein kann – das wiederum ist ein zutiefst mystischer Gedanke : Erzählen als ein Akt des Tikkun, als ein Akt also, der zur « Reparatur » der Welt beiträgt (tikkun olam ist ein zentraler Begriff der lurianischen Kabbala).

Der Neuübersetzung von Jiři Mordechai Langers wunderbarem Buch « NeunTore. Geheimnisse der Chassidim » (Arco Verlag) – dem für mich schönsten Buch über den Chassidismus, das ich bisher gelesen habe –, ist ein Essay von Andreas B. Kilcher mitgegeben, der diesen Zusammenhang zwischen dem Erzählen und der mystischen Überzeugung, dass Worte weit mehr als « nur Worte » seien, sehr schön darlegt.

Auch die « Neun Tore » sind ein gutes Beispiel dafür, dass eine bestimmte Lebenswelt am besten von innen heraus beschrieben wird, und nicht aus der Perspektive des distanzierten Besserwissens. Für Heinrich Graetz wären Langers Erfahrungen vermutlich auch nur ein weiterer Anlass gewesen, die Rückständigkeit der Belzer Chassidim zu beklagen, ihre irrationale Schwärmerei und ihre mangelnde Aufgeklärtheit.

Langer selbst hatte sich später auch – er war 19, als er aus Prag zu den Chassidim aufbrach – durchaus kritisch mit seiner Zeit in Belz auseinandergesetzt. Und als er die « Neun Tore » schrieb, lagen – nach Aussage seines Bruders – der Talmud auf seinem Schreibtisch und die Schriften Sigmund Freuds. Selbst, wenn dieses Bild möglicherwesie nachträglich ein wenig koloriert wurde – die Fähigkeit zu hochkomplexem, synthetischen Denken spricht aus jedem Kapitel dieses Buches.

Auch Langers (im Übrigen heimlich vollzogener) Aufbruch zu den Chassidim ist im Kontext der Assimilation zu sehen. Kafka (der bei Langer Hebräischstunden nahm), hatte das so treffend in ein Bild gefasst : Mit den Hinterbeinchen, so schrieb er in einem Brief an Max Brod, klebe diese – seine – Generation noch an den Überlieferungen der Väter, und mit den Vorderbeinchen taste sie im Leeren auf der Suche nach neuem Halt…

Als Langer dann zum ersten Mal aus Belz nach Hause kam, im Kaftan, mit Schläfenlocken und dem Hut der Frommen, haben seine Eltern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Er aß dann eine Weile nur noch koscher, gab Frauen nicht mehr die Hand, und als die Eltern einigermaßen verzweifelt einen Freund der Familie baten, er möge ihm doch gut zureden, verweigerte Jiři das Gespräch mit dem knappen Hinweis, mit jemandem, der so gottlose Schriften wie Tageszeitungen lese, werde er nicht reden.

Die Begeisterung legte sich dann wieder, von einem zweiten Aufenthalt kehrte er schon ein wenig ernüchtert zurück, und dann, einige Jahre später, schrieb er dieses großartige Buch, und dass er eben den Chassidismus und Freud zusammen denken konnte, das macht die Größe seiner Persönlichkeit aus. « Sowohl als auch » – nicht « Entweder oder » – für jemanden wie Graetz war das so nicht denkbar.

Bemerkenswert finde ich, dass die Geste der Rebellion bei Langer gerade nicht – wie bei den 68-ern etwa – mit dem Überlieferten brechen, sondern zur Überlieferung zurückkehren möchte, und zwar in einer besonders strengen Form.

Die erste Übersetzung der « Neun Tore » fiel übrigens sehr farblos aus, sie zähmte geradezu Langers brillante Prosa ; die Neuübersetzung, die bei Arco erschienen ist, bringt Langers Genie zur Entfaltung, lässt den Text funkeln und schillern.

Aber zurück zu Jakob Frank …

Die Hauptfigur – ja, sie bleibt einem fremd bis zum Schluss. Uns hat das während der Übersetzungsarbeit manchmal regelrecht « kribbelig » gemacht. Da sind wir sozusagen bis in die hintersten Winkel der Sätze gekrochen, haben versucht, all die semantischen Kämmerchen und Winkelchen des Romans auszuleuchten – und Jakob Frank drehte uns immer eine Nase – denn wenn wir dachten, nun kommen wir ihm aber näher – war er schon wieder verschwunden im Spiegelkabinett der Berichte aus zweiter Hand.

Diese Technik hat Olga Tokarczuk ganz bewusst angewandt – sie wollte die Figur über die Wahrnehmung der anderen erschaffen. Der Jakob Frank des Romans ist die Vorstellung, die sich die Menschen von ihm machten, die ihn kennen lernten, die ihm nahe standen – oder ihn bekämpften ; die ihn verehrten – oder kritisierten.

Eine Prise Unbehagen bleibt dabei übrig – aber vielleicht ist dieses Unbehagen der offenen Fragen der eigentliche Gewinn des Romans. Nach Abschluss der Arbeit hatten wir jedenfalls wahrhaftig das Gefühl, eine andere Sicht auf die Welt gewonnen zu haben.

Oh ja – die Frauengestalten ! Dazu haben wir lange Diskussionen geführt während der Arbeit … Und unser Eindruck war exakt der, den Sie beschrieben haben. Es ist zu spüren, dass Olga Tokarczuk sich einfach sicherer fühlte in der Beschreibung der Dichterin und der Kossakowska, deren Temperament übrigens auch in genau dieser Form überliefert ist.

Die jüdischen Frauen treten immer wieder deutlich hervor, doch dazwischen verblassen sie auch wieder, werden schemenhaft, und was den emanzipatorischen Aspekt betrifft – hier lösen die Frauenfiguren nicht immer die Ansprüche ein, die sie in ihren Äußerungen vertreten.

Zur Frage des Authentischen … es ist – was wir auch sukzessive erst herausgefunden haben im Zuge unserer Recherchen und Lektüren – weit mehr historisch belegt, als man zunächst vermuten möchte. Die « Internierung » in Częstochowa ist authentisch – einschließlich der Inspirationen im Hinblick auf das Konzept der Schechina, die Jakob Frank dort erfuhr – durch die Präsenz der Schwarzen Madonna; einschließlich der Befreiung im Zuge der ersten Teilung Polens 1772 durch den Befehlshaber der russischen Truppen, die dann im Kloster einrücken.

Auch die Zeit in Brünn ist sehr nahe am Authentischen orientiert; die Audienz ist, soweit ich mich erinnere, ebenfalls überliefert. Den Artikel in der „Vossischen“ wiederum hat Olga Tokarczuk erfunden, unter Bezugnahme allerdings auf eine andere Quelle, der sie Details zum Begräbniszug entnommen hat.

Ganz zu Anfang schon haben wir uns zu diesen Fragen mit ihr ausgetauscht, und sie hat uns ihr Prinzip der Collage „enthüllt“ – was uns in die durchaus glückliche Lage versetzte, dass wir tatsächlich nur an ganz wenigen Stellen deutschsprachige Originale ausfindig machen mussten und ansonsten selbst übersetzen „durften“. Bei einem so umfangreichen Roman ist das eine große Erleichterung – bei unserer ersten gemeinsamen Übersetzung (Ludwik Hirszfeld: Geschichte eines Lebens) mussten wir ständig über Fernleihe Kopien von Zeitschriftenaufsätzen aus den 1920er und 1930er Jahren bestellen, und dann die entsprechenden Zitate ausfindig machen, was sehr zeitaufwendig gewesen ist.

Auch die Tagebuchnotizen der Sophie von La Roche sind von Olga Tokarczuk erfunden – aus Interesse hatte ich noch ihr „Niederrheinisches Tagebuch“ durchgesehen, ob nicht doch irgendwo eine Erwähnung zu finden wäre, aber da war kein Bezug zu sehen.

Die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Höhle – das ist authentisch. Dazu haben wir im Internet Beiträge gefunden ; vermutlich dieselben, die Olga Tokarczuk genutzt hatte für die Gestaltung dieser Passage.

Und ein Aspekt noch zu dieser Frage des « Kompositen », der « métissage » des Authentischen mit dem Fiktionalen – Nachmans Lebensgeschichte enthält (in den Erinnerungen an die frühen Jahre) Passagen aus « Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben ». Dieser Text wurde Anfang des 20. Jhs., wenn ich mich richtig erinnere, ins Polnische übersetzt ; Olga hat diese Übersetzung als Quelle genutzt. Auf die Spur gelangten wir durch einen einzigen Satz, auf den wir uns keinen Reim machen konnten – wenn Nachmans Mutter zu ihm sagt, in der kommenden Welt werde die « Duksel » (die Adlige) für sie, die armen Juden, die « Peschure » (den Ofen) heizen.

In solchen Momenten wird das Internet tatsächlich zum Segen.

Was Leben und Wirken Jakob Franks betrifft – hier haben wir uns – da der Autor eine Fülle von Literatur ausgewertet hat – vor allem auf Klaus S. Davidowicz gestützt, zum einen «Jakob Frank, der Messias aus dem Ghetto », und zum anderen auf die zweite, kompakte, als « Lesefassung » konzipierte Darstellung desselben Autors : « Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren ».

Ich merke gerade, wie mir, indem ich dies schreibe, alles wieder so lebendig vor Augen tritt, als sollte ich gleich mit der Übersetzung des nächsten Kapitels beginnen …

Haben Sie noch einmal vielen, vielen Dank für Ihre Anregungen !

Man möchte sich wünschen, Kritikerinnen und Kritiker läsen die Bücher, die sie besprechen, mit dieser einfühlsamen Genauigkeit !

Und Übrigens:

Gemeinsam mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur (Universität Gießen), ist es mir gelungen, eine Reihe zu initiieren, die als « Bibliothek polnischer Holocaustliteratur » maßgebliche Texte vorstellen möchte – teils als Neuausgaben bereits vorliegender deutscher Übersetzungen, die seinerzeit in der DDR erschienen waren und heute leider weitgehend in Vergessenheit geraten sind – teils als Erstübersetzungen. Die Reihe wird im Wallstein Verlag erscheinen. Sie beginnt im Frühjahr 2021 mit Bogdan Wojdowskis Roman « Brot für die Toten » (in der hervorragenden Übersetzung von Henryk Bereska) ; als zweites soll im Herbst 2021 ein Band mit Erzählungen von Wojdowski erscheinen – für diesen Band haben wir einige bereits übersetzte Erzählungen ; eine knapp 100 Seiten lange Erzählung aber musste noch neu übersetzt werden.

Mit den allerbesten Wünschen und herzlichen Grüßen,

Ihr Lothar Quinkenstein